Mit finanzieller Hilfe des Fördervereins realisierte die Neue Münchner Schauspielschule 1994 einen Szenenabend „… um zu spielen“ an der Studiobühne der Ludwig-Maximilians-Universität. Im ersten Teil des Programms präsentierte sich die Schule mit einem Ensemble aus allen Klassen, im zweiten Teil spielten die Schüler der Abgangsklasse Szenen von Peter Hacks, Lenz und Shakespeare.
Warum spielen
Um diese Frage überflüssig zu machen / um eine Gegenwelt herzustellen / um die Träume von Angst und Hoffnung vorzuführen einer Gesellschaft, die traumlos an ihrem Untergang arbeitet / um die Toten in Ruhe zu lassen / um die Lebendigen nicht in Ruhe zu lassen / um Wurzeln zu schlagen / um Wurzeln auszureißen / um Geld zu verdienen / um ein Lebenszeichen zu geben / um einen Tod anzuzeigen / um eine Erfindung zu machen / um nicht arbeiten gehen zu müssen / um Arbeit zu haben / um den tiefen Schlaf einer erschöpften Gesellschaft mit Fratzen zu erschrecken / um nicht einzuschlafen / um nicht aufzuwachen / um das Vergessen zu töten / um nicht allein zu sein / um eine Zeremonie aufzuführen in einer Zeit ohne Zeremonien / um keine Verantwortung zu haben / um allein zu sein / um auszulöschen, was ICH genannt wird / um zusehen zu können / um dem Pathos solcher Antworten zu entgehen / um die Rollen zu wechseln / um Lügen zu verbreiten / um vom Blick einer erfüllten Liebe gestreift zu werden und vom Blick der Wut / um den Kapitän wieder einmal endgültig an den Mastbaum zu nageln / um einer Frau unter einem Vorwand und ohne Folgen in die Wäsche greifen zu können / um herauszufinden, wer das Kind erschossen hat, das schrie: Der Kaiser ist nackt / um zu schrein: Der Kaiser ist ja nackt / um nicht reden zu müssen / um nicht schweigen zu dürfen / um die Regeln der Schwerkraft außer Kraft zu setzen / um aus der Welt ein Theater zu machen aus Stein, Holz und Gittern / um drinnen und draußen zu sein zu gleicher Zeit / um in diesem endlosen Vorkrieg nicht zu ersticken / um über einen Sterbenden lachen zu können / um die Geister zu bannen, vor den Türen und unter dem Tisch: Hilfe, ich lebe / um diese krachende Stille nicht aushalten zu müssen / um herauszufinden, wie lange einer ausgehalten wird von Leuten, die sich genausowenig für ihn interessieren wie für sich selbst / um nicht angestellt zu sein / um vergessen zu werden / um die Frage überflüssig zu machen: Warum spielen / Um zu spielen /
Thomas Brasch